9,81 Meter pro Sekunde

Welche Stadt ist das da unten? Das Lichtermeer ist doch ein bisschen größer als die anderen Flecken alle. Vorhin waren noch ein paar schneebedeckte Berge da, über die sind wir nun schon hinweg. Können wir schon auf der Höhe von Ludan sein? Worguss ist es wohl nicht, so weit östlich können wir nicht fliegen. Außerdem wäre Worguss auf der rechten Seite unseres kleinen Fliegers. Ich sitze links. Am Fenster. Neben mir sitzt ein Herr mit schwarzen Haaren, Schnurrbart und Brille. Ein kariertes Hemd trägt er und eine schwarze Weste. Eine hübsche Uhr ist auch am Arm. Ich trage keine, meine ist kaput. Ich habe schon überlegt, mir eine stinknormale Armbanduhr zu kaufen, eine hübsche, keine binäre. Es muss vielleicht nicht immer binär sein. Wieder breitet sich ein Lichtermeer unter uns aus, diesmal noch größer, so scheint es. Oder ist es einfach nur so zerklüftet? Es scheint eher nach einer Ansammlung von Dörfern auszusehen, aber gibt es so etwas? Die dünne Wolkendecke lässt mich die unzähligen orangenen Lichterstraßen nicht besonders lang ergründen – zu schade. Ich schaue gerne. Ich beobachte gerne. Unser Abflughafen war echt niedlich, herzig. Wirklich süß – alles so klein, eine Miniaturform. Auch das Flugzeug ist sehr lieb. Der Propeller links neben mir wird mir allerdings langsam zu laut. Wenn ich mich leicht nach vorne lehne und aus dem Fenster sehe, dröhnt er ziemlich. Ich könnte mich zurück lehnen, dann ändert sich der Geräuschpegel. Es wird dadurch nicht leiser, lediglich die Art des Lärms ändert sich. Aber ist es Lärm? Ich könnte auch meine Kopfhörer aus dem Rucksack nehmen und sie mir aufsetzen, die dämmen ein bisschen.

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Ach, so ist es schon viel angenehmer! Ich liebe meine Kopfhörer. Ich liebe sie wirklich. Vor 6 Jahren habe ich sie mir gekauft, in New York. Sie sitzen so angenehm!
Was ist nur, wenn der Propeller neben mir ausfällt? Das frage ich mich. Klar, er wird wohl getestet sein, stundenlang darauf geprüft, dass er nie stoppt und immer funktionstüchtig bleibt, dass er zu einer ganz hohen Wahrscheinlichkeit nie den Geist aufgibt. Aber wenn diese Wahrscheinlichkeit ganz hoch ist, so denke ich mir, dann gibt es ja auch eine, wenn auch verschwindend geringe Möglichkeit, dass er mal nicht mehr will. Eine ganz klitzekleine Chance muss ja wohl doch da sein, oder? Und wenn sich einer der beiden Propeller nicht mehr dreht, dann stürzen wir wohl hoffnungslos ab. Gibt es einen Alternativplan? Nein, nur den freien Fall. Mit 9,81 Metern pro Sekunde zum Quadrat Beschleunigung der Schwerkraft würden wir dann abstürzen. Das ist eines der wenigen Dinge aus dem Physikunterricht in der Schule, die ich mir gemerkt habe und wohl auch nie vergessen werde: Wie hoch die Erdbeschleunigung ist. Aber dabei müsste man nun noch bedenken, dass die Luft ein bisschen Geschwindigkeit bremst. Ich könnte jetzt berechnen, mit wieviel Stundenkilometern wir unten am Boden aufprallen würden. Wenn ich nur unsere Höhe wüsste. Wir fliegen durch Wolken. Die Musik ertönt. Ich lehne mich zurück.

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