Traum

Heut Nacht hat mir von Rafael geträumt. Ich war in seiner riesengroßen Wohnung, eine ganze Etage groß, nein, es war sein Haus, mit diversesten Räumen. Eine richtige Villa. Alle Räume waren alt und wunderschön – teuer. Und mit lauter versteckten Funktionen waren sie ausgestattet: Per Knopfdruck ging die Wand auf und ein Computersystem kam hervor (ganz wie so in alten James Bond-Filmen) aber es war noch nicht ganz ausgereift, es funktionierte noch nicht alles wie es sollte.
Rafael besaß total viel Kunst: ein ganzes Zimmer seines Hauses war voll mit bunter Cover-Art: alles total schöne Hüllen und Boxen und Behälter, die Regale zweimannhoch voll. Im untersten Stock war eine Dienstmagt angestellt, mit Hund, die sich um alles kümmerte, in den oberen Stöcken logierte Rafael. Und er konnte alle Musikinstrumente so gut spielen! Einmal hörte ich ihn auf der KLarinette blasen: Wow! Dieser Ton, dieses Vibrato (es klang ganz nach FReisemanagement) aus meiner Klasse. Ich wurde innerlich ganz wütend weil ich mich fragte, warum ich KLarinette studierte, wenn Rafael eh so gut spielen konnte. Er konnte nämlich auf jedem Instrument spielen. Und das in seinem Art-Raum. Ich wollte alles anschauen und zu gern hätte ich auch alle Knöpfe gedrückt und die Funktionen ausprobiert, aber das war ihm nicht so ganz recht. Ich war ihm wohl nicht ganz geheuer. War er misstrauisch, dass ich ihm vielleicht etwas zerstören könnte?

Liebe Danielle,

weißt du es ist komisch.
Das ist wohl der Mensch, so wie er ist nehme ich an, so wie er tickt. Und es gibt wohl nur ein paar wenige Ausnahmen, die das so können, so durchziehen und dadurch so erfolgreich sind. ODER aber, es funktioniert nur bei Dingen, die einem zu 100% Spaß machen. Und dort ist man dann automatisch erfolgreich. Das wäre meine andere Erklärung.
Aber nun will ich auflösen worum es geht. Und zwar geht es bei mir immer bergauf und bergab mit meiner Motivation. Mit meiner Motivation zu üben, mit der Klarinette besser zu werden und alles daran zu setzen, ein Probespiel zu gewinnen.
Ja und mit dem Tag, an dem du weggereist bist, nahm ich mir vor, total fleißig zu sein, alle Spielereien zu lassen, mich voll auf das Arbeiten zu konzentrieren und gut zu üben; einfach total zielgerichtet und fokussiert zu sein. Zumindest bis zum 17., bis zu meinem Probespiel in Göttingen, einmal so richtig zu fleißig sein, am Abend punktlich is Bett zu gehen, gut und genug zu schlafen, in der Früh aufzustehen und zu üben, Stellen anzuhören und nach dem Dienst im Orchester noch Bassklarinette üben zu gehen.
Ich war dann wirklich sehr motiviert, sehr glücklich und voller Tatendrang, und startete in vorgenommenem Sinne los.
Nur – so hatte ich es irgendwo im Hinterkopf schon geahnt – hielt es nicht lange, da wollte mein innerer Schweinehund nicht mehr (oder wie auch immer du es nennen möchtest). Er wollte nicht mehr fleißig sein, sondern wollte jede Minute irgendetwas Entspannendes machen, Youtube-Videos anschauen, bis spät aufbleiben, faul auf der Couch herumliegen und auf dem Heimweg Süßigkeiten einkaufen (das musst du jetzt übertragen verstehen – du weißt, ich kann Süßigkeiten sehr leicht entbehren). Und in solchen Momenten bin ich dann auch immer sehr versucht, über alles Mögliche nachzudenken. Vor allem darüber, was ich eigentlich noch alles machen könnte, außer der Klarinette. Ich denke dann einerseits ganz prinzipiell nach, aber auch im Konkreten, was ich statt dem Klarinette-Üben alles andere machen könnte und sollte: die Mails erledigen, den Brieffreunden schreiben, Fotos sortieren, Reisen buchen, meine Webmaster-Arbeit erledigen, ein Buch lesen, Musik mixen, für eine coole neue Uhr shoppen gehen, eine Radtour machen, wiedermal fotografieren, und überhaupt… ich könnte die Liste endlos weiterführen.
Nur eigentlich wäre es ja so einfach: Nichts zu denken, außer mich mit der Klarinette auf mein Probespiel zu konzentrieren. Einfach so, wie ich es mir bis zum 17. vorgenommen habe. Einfach durchzuhalten. Es ist ja nicht viel mehr als eine Woche! Ist es zu viel verlangt, dass ich so lange durchhalte, fokussiert bleibe und nicht über dies und das und jenes…?
Ist es der Mensch? Bin es ich? Geht es jedem so? Braucht man jemanden von außen, der einen peitscht? Ich möchte zielgerichtet und fokussiert sein, voll und ganz alles dafür opfern, damit ich erfolgreich bin, so in der Art wie, “Die Karriere ist das Wichtigste.”, zumindest nur für eine Woche! Geht das nicht?

Oder braucht es etwas anderes für mich, als die Klarinette und das Probespielleben, das mir automatisch noch viel mehr Spaß macht, und wo ich dann automatisch viel mehr drauf und dran bin?

Kannst du es nachvollziehen? Oder hattest du gar schon ähnliche Gedanken? Wie geht es dir?

Dein Erik.