“New York, New York” – oh Frank

Erik, New York ist sooo verwirrend. Im Eeeernst! Beeindruckend, seltsam, farbenfroh, grau, verlassen und doch wimmelt es von Menschen wie in einem Ameisenhaufen.

Irgendwie tat es mir im Herzen weh, diese vielen, eher armen Menschen zu sehen. Manche wirkten seelisch verloren, manche einsam, manche hungrig, manche frustriert, manche enttäuscht.

Da gab es zum Beispiel Taih aus Schweden. Na ja, eigentlich aus den USA. Also er meinte er sei mit seiner Familie immer gependelt. Innerhalb von wenigen Minuten kannte ich seine halbe Lebensgeschichte. 6 Monate im Krankenhaus, weil ein Taxi über rot gefahren ist und ihn angefahren hat. Er hat immer noch Schmerzen, läuft eher humpelnd und sehr langsam, hat weiterhin Physiotherapie… und aufgrund des langen Krankenhausaufenthaltes hat er angeblich keine Wohnung mehr, wohnte erst in Hotels und dann eben in dem Hostel, in dem ich eine Nacht übernachtet habe. Vom anderen Ufer ist er auch und irgendwie wirkte er alles andere als ausgeglichen und friedlich.

Mitleid. Das ist ein Gefühl, was mir in New York irgendwie sehr oft begegnet ist.

Es gab sooo viele Bettler!

Einer sah ganz normal aus und stand da einfach. Mit Hemd. Er sagte was und weil ich irgendwie überhaupt nicht dachte, dass er ein Bettler sei, hab ich nachgefragt, was er gesagt hatte. Manchmal versteh ich einfach nichts, wenn der Kontext nicht so ist, wie ich es in dieser Millisekunde erwartet hätte. Jedenfalls habe ich nachgefragt, was er gesagt hätte und er wiederholte, ob ich einen Dollar hätte. Ich bot ihm eins meiner beiden Brötchen an, aber das lehnte er ab. Hmm…

Jeder scheint in New York sein Glück zu versuchen, auch wenn es nur darum geht ein paar Poster oder Magneten im Central Park zu verkaufen. Schon klar, ich hätte auch ein paar Magneten oder Poster kaufen können, deshalb würde ich nicht verhungern.. vor allem waren die Magneten wirklich günstiger, als alle Magneten, die ich bisher überhaupt gesehen habe: $1 !!!

Andererseits ist die USA irgendwie wirklich teurer und mein Geld war einfach schneller weg, als ich schauen konnte. Obwohl ich mir eigentlich nichts gekauft habe. Außer einer Jeans aus einem Outlet. Oder war sonst noch was dabei? Eigentlich nur Mitbringsel.

Erik, du hättest einfach dabei sein müssen, dann müsste ich dir das alles jetzt nicht schreiben, sondern hätte es mit dir erleben können!

Andere Leute versuchen Geld zu verdienen, in dem sie stundenlang herumstehen und Flyer verteilen. Ein junger Mann stand da mit seinem Schild in der einen, und den Flyern in der anderen Hand. Er wedelte fast apatisch, kaum sichtbar, im gleichen Rhythmus mit den Flyern. Hin und her. Er schien erst aus seiner Trance aufzuwachen, als ich ihm einen Flyer abnahm. Vielleicht hat er sich sogar gefreut. Auf dem Flyer stand: subway. 10% off for students.

An jeder Ecke stehen Hotdogverkäufer mit ihren kleinen Wägen. Überall die gleiche Art.

Ach jaaa, den „Tickethändler“ gabs auch noch. Ich hatte eigentlich vor, in ein Konzert in der Carnegie Hall zu gehen. Einfach nur, weils die Carnegie Hall ist und weil sie Studententickets für $10 hatten. Dass es ein Jazzkonzert war und ich die Sängerin noch nie gehört habe, war mir egal. (Es hat sich soooo sehr gelohnt und es war einfach ein Volltreffer). Jedenfalls sprach mich in der Nähe des Times Square ein Mann an, der mir Tickets für eine Comedy Show verkaufen wollte. Einfolierte Tickets mit Barcode hatte er, auf denen stand $30,00 drauf. Ich sagte ihm, dass ich vorhabe in die Carnegie Hall zu gehen. Dieser Begriff sagte ihm offenbar nichts, denn als ich ihm erklärte, dass ich im Gegensatz zu seiner Veranstaltung nicht gezwungen sei, zwei Getränke zu kaufen, war er sehr verwundert. Bei seiner Veranstaltung hätte ich zwei Getränke kaufen MÜSSEN. Und das fand ich doof. Ansonsten wärs sicherlich ganz lustig gewesen. Aber allein vielleicht sowieso nicht. Nun ja.. er hätte mir das Ticket für $10 gegeben, aber irgendwie hab ich ihm nicht geglaubt, dass dieses selbstgebastelte Ticket mit Barcode ein echtes Ticket ist. Die zwei „Zwangsgetränke“ standen auf dem Ticket übrigens auch drauf.

Angequatscht wurde ich sowieso den ganzen Tag durchwegs. Entweder wollte mich jemand für eine Bootsfahrt an der Statue of Liberty überreden oder irgendwelche Bücher mit Fotos vom 9/11 loswerden oder was auch immer. Der Typ mit dem Fotobuch hat mich gar nicht gehen lassen, obwohl ich „no, thanks“ gesagt hatte. Er rief mir „Miiiss“ hinterher und rannte mir nach, so dass ich quasi mit ihm reden muuusste.. oh Mann…und dann zeigte er mir viele Fotos aus dem Buch und sagte mir, was ich alles anschauen soll. Und irgendwie ließ er mich dann gehen und ich weiß bis jetzt nicht, ob er mir eigentlich etwas verkaufen wollte. Oder sollte sein Kumpel mich derweil ausrauben? Offensichtlich nicht, denn mir wurde die ganze Zeit über nichts geklaut. Ach ja, nach meinem Namen hat er noch gefragt und mir die Hand geschüttelt: „Nice to meet you“. Fand ich jetzt nicht so, aber was soll man machen. Die Amis sind ja irgendwie meistens ultranett, also muss man das halt erwiedern. Also Händeschütteln über sich ergehen lassen „You’re strong“ – boah, lass meine Hand los!!! Er hat sie bestimmt 15sekunden lang geschüttelt. Haaaalllooooooooooooo???? Im Prinzip war er nicht unsympathisch, aber da ich nicht wusste, ob er mir einfach nur so Bilder zeigen wollte und ich die Situation nicht einschätzen konnte, war ich froh, als er mich endlich weiterziehen ließ. Ich wollte einfach nur weg und schnell sein, so dass ich erst zu spät gemerkt habe, dass ich ohne zu schauen über rot gegangen bin. Gott sei Dank kam noch kein Auto. Es ist ja nicht so, dass ich in New York nie über rot gegangen wäre.. aber da hab ich immer geschaut und war mir vor allem darüber bewusst, dass ich gerade eine Straße überquere.
Oh maaannn! 1,5 Tage New York und ich bin noch nicht mal bei der Hälfte angelangt… es gibt noch so viel mehr zu erzählen!

Du hättest echt dabei sein müssen!

Ich schreibe dir nächstes Mal den Rest.

Good night, dear Erik!

Bettler

Danielle!

Ich hab da immer noch kein gscheits Prinzip und bin jedes Mal aufs neue unsicher. Jetzt hab ich einem Penner am Bahnhof einen Euro für Zigaretten gegeben. Er wollte zwei. Wie tust du? Wie kann man sich helfen? Ich könnte nämlich jedem, der mir begegnet, geben, was er verlangt, und würde trotzdem nicht arm werden, hätte trotzdem noch genug Geld für mich. So reich bin ich! Aber geht es hier nicht auch um ein Prinzip? Eine Einstellung? Eine Überzeugung?

Erik.