Und dann sah ich sie.

Die schneebedeckte Landschaft schob sich entlang der Fenster, die ersten Sonnenstrahlen glitzerten über den Feldern. Der Zug war halb voll und es roch leicht nach Kaffee, oder zumindest bildete ich es mir ein. Ein paar Leute plauderten in angenehmer Lautstärke. Ich verstand die Sprache nicht. Und dann sah ich sie. Dort am anderen Ende des Waggons saß sie. Einen roten Mantel hatte sie, eine bunte Haube. Hübsch sah sie aus. Die nächste Station war Nischnewartowsk. Wann genau wir dort ankamen, das wusste ich nicht. Der Zug hatte keine Anzeige, auch sagte niemand etwas durch. Man fuhr einfach, völlig zeitlos und entkoppelt. Man konnte nur schätzen, wann es soweit war. Durch die Fenster spürte man buchstäblich die Wärme der schwachen Sonnenstrahlen.

Im Zug

Ich sitze schon eine Station im ICE, als er einsteigt und fragt, ob neben mir noch frei sei. Ich bejahe. Er ist jung und sieht gut aus. Vermutlich mein Alter. Das heißt nun aufmerksam sein und fleißig wirken. Noten raus, Kopfhörer in die Ohren und meine Stellen für morgen und übermorgen pauken.
Er öffnet seinen Laptop und liest irgendetwas fürs Studium, vermute ich. „Demographischer Wandel“ steht über einem Abschnitt. Dann wird er angerufen. Also iPod leise stellen und zuhören.
„Naaaaa?“ –
Er lacht ein bisschen. „Also einfach nur müde oder Kater?“
Nein danke, schießt es mir durch den Kopf. So jemanden brauche ich nicht. Sein Wortschatz ist auch nicht sehr elegant. Ich lächle zufrieden vor mich hin, weiß meine Freunde und deren Manieren mal wieder mehr zu schätzen und wende mich den sinfonischen Metamorphosen zu. Die Pause war lang genug.

Energiefresserchen

Irgendwann schnappe ich sie mir. Dann mache ich sie alle. Futsch. Kaputt. Hihi.
Nuuuuuuur, wo sind sie?
Stecken sie in den Prioritäten, die ich mir nicht setze? Also im Verzetteln? Bestimmt!
Hat mein Heuschnupfen damit zu tun?
Schlafmangel?
Pendeln und Zugfahren, selbst wenn es nur eine Stunde ist?
Kein Wochenende, keinen einzigen komplett freien Tag seit Wochen?
Weibliche Hormone und dieser faszinierende und ermüdende Zyklus?? Wieso fühle ich mich so schlapp?
Heute hab ich noch nichts geschafft… aber im Prinzip ist das auch falsch.. ich war im Gottesdienst und habe zwei Stunden unterrichtet.
Aber sonst?? Das, was momentan so enorm wichtig ist, die Vorbereitung auf die Prüfungen in der kommenden und übernächsten Woche, die hat heute noch nichts von mir gesehen oder gehört… oh man!!! Aber dafür hab ich einfach keine Energie.
Beim Spargelschälen (ich muss mir einfach was kochen, sonst gehts mir auch nicht besser) hab ich mich gefragt, ob ich krank werde.
Aber es gibt Leute, die arbeiten 60 Stunden die Woche und leben auch noch. Wieso ich nicht?
Und so viele Stunden sinds bei mir längst nicht.
Na jut. Der Spargel ist gleich fertig.. also essen, aufräumen, üben gehen, Wäsche aufhängen (falls die Waschmaschine nicht wieder rumspinnt)… wird schon!!! Ich schaffe das!

 

Ein Spasti

Es ist kurz vor elf am Abend. Er sitzt schräg gegenüber von mir, dort im nächsten Vierersitz der S-Bahn, trägt ebenso eine schwarze Jacke und ist vielleicht 5 Jahre älter als ich. Mir fällt er erst auf, als er zu murmeln beginnt und mich ganz bewusst anschaut. Zu sehr war ich in das Verfassen von Nachrichten mit meinem Smartphone vertieft. Ich sehe ihn kurz auch an, dann wieder weg. „Ja bitte?“, denke ich mir, spreche es aber nicht aus. Ich beobachte ihn durchs Fenster, das die gegenüber liegende Seite spiegelt, dort treffen sich unsere Blicke wieder; das wollte ich eigentlich nicht. Was ist los? Frage ich mich. Sollte ich ihn ansprechen? Aber es ist besser defensiv zu bleiben, denke ich mir. Er zückt schließlich selbst sein Smartphone, ohne es wirklich nutzen zu müssen, scheint es.
„Boah ey! Spasti!“, murmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart, während seine Blicke wieder auf mich treffen. Ich versuche sie zu vermeiden und sehe bewusst ins Narrenkasterl quer durch den Zug. Etwas aufgebracht ist er untergründig, nervös. Ich verstehe nichts. Was könnte sein? Was könnte ihn stören? Dass ich so vertieft in mein Telefon tippe? So schnell? Ich telefoniere nicht. Ich schniefe auch nicht: Das hat schon jemanden mal gestört. Ich sitze einfach da, in meine eigenen Gedanken versunken.
Immer wieder sieht er mich an, will mir mit seinem Blick etwas sagen, bis er schließlich aufsteht und sich weiter hinten in der Bahn einen anderen Sitzplatz sucht. Wahrhaft seltsam.
Ich verstehe es nicht.
Ein Spasti.