Ein Spasti

Es ist kurz vor elf am Abend. Er sitzt schräg gegenüber von mir, dort im nächsten Vierersitz der S-Bahn, trägt ebenso eine schwarze Jacke und ist vielleicht 5 Jahre älter als ich. Mir fällt er erst auf, als er zu murmeln beginnt und mich ganz bewusst anschaut. Zu sehr war ich in das Verfassen von Nachrichten mit meinem Smartphone vertieft. Ich sehe ihn kurz auch an, dann wieder weg. „Ja bitte?“, denke ich mir, spreche es aber nicht aus. Ich beobachte ihn durchs Fenster, das die gegenüber liegende Seite spiegelt, dort treffen sich unsere Blicke wieder; das wollte ich eigentlich nicht. Was ist los? Frage ich mich. Sollte ich ihn ansprechen? Aber es ist besser defensiv zu bleiben, denke ich mir. Er zückt schließlich selbst sein Smartphone, ohne es wirklich nutzen zu müssen, scheint es.
„Boah ey! Spasti!“, murmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart, während seine Blicke wieder auf mich treffen. Ich versuche sie zu vermeiden und sehe bewusst ins Narrenkasterl quer durch den Zug. Etwas aufgebracht ist er untergründig, nervös. Ich verstehe nichts. Was könnte sein? Was könnte ihn stören? Dass ich so vertieft in mein Telefon tippe? So schnell? Ich telefoniere nicht. Ich schniefe auch nicht: Das hat schon jemanden mal gestört. Ich sitze einfach da, in meine eigenen Gedanken versunken.
Immer wieder sieht er mich an, will mir mit seinem Blick etwas sagen, bis er schließlich aufsteht und sich weiter hinten in der Bahn einen anderen Sitzplatz sucht. Wahrhaft seltsam.
Ich verstehe es nicht.
Ein Spasti.