Innerlich schwache Beine

Das hast du also mit deinem Papa besprochen. Und jetzt bist du mutig und gewappnet. Eigentlich gut. Und meine Eltern würden wahrscheinlich das Gleiche meinen. Ich hab darüber nicht mit ihnen gesprochen.

Jetzt werd ich ganz nervös – und labil.

Du zählst das immer so ab, die Zeit, in Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden und Minuten… das mach ich nie. Das macht mich ganz schwubbelig. Abrechnungstag. Wie wenn man das Prüfungsergebnis zurück bekommt. Welche Note hast du? Hast du genug getan? Bist du gut genug? Wie war deine Leistung? Was hast du voran gebracht in all dieser Zeit? Was ist das Ergebnis? Immerhin sind es jetzt schon 1,5 Jahre. Da muss schon was passiert sein in der Zeit. Was sagt die Statistik?

Das wird also eine harte Woche. Eine wackelige. Unverblümte Kritik von der Chefin, und dann auch noch endgültiger Danielle-Talk. Und das mehr oder minder gleichzeitig – ich muss mich zusammenreißen, dass ich nicht zusammenbreche. Innerlich. Am Ende steh ich dann alleine da, ganz einsam und verlassen, auf schwachen Beinen. Zeitlos in einem leeren Raum. Ohne dich. So als wärst du nie da gewesen. Als seist du Geschichte, gestorben. Mir wird grad ganz heiß. Es steigt mir den Hals hoch. Aber wenigstens hab ich schon ein bisschen Lebenserfahrung darin. Ich lass es nicht gänzlich an mich heran. Es kratzt.

Ich hoff sehr, es geht dir besser dabei.

Durcheinander

Je mehr ich mich in diesem Freundeskreis bewege, desto mehr zerrinst du mir. Wie Wasser zwischen den Fingern.

Ich fühle mich so überreif wie eine matschige Avocado und durch meinen Kopf geht nur noch ein Wort. Ein Wort mit H. Durch meinen Kopf. Durch. Einander.

Wieso bist du so weit? Entfernt.

Einfach mal ganz anders!

Lieber Erik!

Irgendwie war ich – na ja – enttäuscht. Ein bisschen jedenfalls. Weil ich mir von dir einfach eine andere Reaktion bezüglich der drei Fotos gewünscht hätte. Irgendetwas tröstendes. Ich weiß, dass du auf diesem Workshop bist und wahrscheinlich einfach nicht groß Zeit hattest und auch nicht wirklich darüber nachgedacht hast. Und trotzdem.

Mach mir keine Vorwürfe, ich weiß, dass es mein eigener Fehler ist, weil ich komplett vergessen hatte, auf die Zusage-Email zu antworten und dann habe ich mich auch erst jetzt angemeldet. Aber mein Kopf explodiert einfach. Im November und Dezember waren Bewerbungsverfahren, im Januar die große Prüfung, jetzt die Wettbewerbsvorbereitung…

Und auch wenn es nicht nett klingt: Du warst einer der vier Personen, die bezüglich der Apfelackerakademie versagt haben. Ich hätte mich sofort angemeldet, hättest du, meine beiden Schwestern oder meine beste Freundin gesagt, dass sie mitkommen und sich auch direkt anmelden.

Ja, es stimmt. Vier Wochen mit neuen Leuten können echt eine tolle Zeit und Erfahrung sein. ABER: Wieso sollte ich diese wertvolle Lebenszeit nicht nutzen, um meine Beziehung zu einem geliebten Menschen zu intensivieren????? Deshalb hat mein  Bauchgefühl auch nicht mitgezogen und mich auch davon abgehalten, mich direkt anzumelden. Ich wollte einfach nicht schon wieder den Sommer ohne jemanden verbringen, der mir wichtig ist. Ich habe mir so gewünscht, mit meinen beiden Schwestern so etwas zu erleben, aber nein, die eine war zu bequem, sich direkt anzumelden und die andere will im JETZT leben und nichts für den Sommer planen müssen. Meine beste Freundin hätte nicht gedacht, dass es so dringend war mit der Anmeldung und du.. dir war einfach nicht klar, wie gern ich mit dir dorthin gegangen wäre. Und außerdem hast du vor einigen Jahren eh die klügere Entscheidung getroffen und demzufolge wirst du im Sommer nie Probleme haben, irgendwo beschäftigt zu sein. Du hast ja sogar etwas bezahltes für dieses Jahr!

Ich habe Mama gestern am Telefon erzählt, dass es mit der Apfelakademie nicht klappt und musste einfach so losheulen. Ich sehe es einfach nicht mehr ein, alles allein zu machen. Ohne Schwestern. Ohne Freunde.
Ich hoffe du denkst nicht, dass ich dir Vorwürfe mache. Ich weiß, dass du nichts dafür kannst. Deine Reaktion hätte halt tröstender sein können.

Irgendetwas werde ich diesen Sommer schon tun. Und wenn es halt schon wieder nicht die Apfelackerakademie sein wird…

Vielleicht ist es einfach an der Zeit, den Sommer anders zu verbringen. Im Ausland. Oder irgendwie auf Mission. Oder irgendwo zu jobben. Einfach mal ganz anders.

Gib dich zufrieden und sei stille

Gib dich zufrieden und sei stille
In dem Gotte deines Lebens;
In ihm ruht aller Freuden Fülle,
Ohn ihn mühst du dich vergebens.
Er ist dein Quell und deine Sonne,
Scheint täglich hell zu deiner Wonne.
Gib dich zufrieden.

Er ist voll Lichtes, Trosts und Gnaden,
Ungefärbtes, treuen Herzens;
Wo Er steht, tut dir keinen Schaden
Auch die Pein des größten Schmerzens.
Kreuz, Angst und Not kann Er bald wenden:
Ja, auch den Tod hat Er in Händen.
Gib dich zufrieden.

Paul Gerhardt, 1607-1676

 

 

Ich wollt

Ich wollt mir das Bett machen, aber habs noch nicht.
Ich wollt das Zimmer saugen, aber habs noch nicht.
Ich wollt meine Möbel neu positionieren und den Tisch zerlegen, aber habs noch nicht.
Ich wollt die Abschwasch erledigen, aber habs noch nicht.
Ich wollt deinen Computer schon fertig haben, aber habs noch nicht.
Ich wollt die neu gemachten Fotos aussortieren, aber habs noch nicht.
Ich wollt spontan wo hinreisen, aber bins nicht.
Ich wollt meine Eltern anrufen, aber habs noch nicht.
Ich wollt den Einkauf erledigen, aber habs noch nicht.
Ich wollt mich in den Park setzen und mein Buch lesen, aber habs nicht.
Ich wollt dich mit einem neuen Computer spontan besuchen.

Ich wünscht, ich hätt mehr Energie.

Traum

Heut Nacht hat mir von Rafael geträumt. Ich war in seiner riesengroßen Wohnung, eine ganze Etage groß, nein, es war sein Haus, mit diversesten Räumen. Eine richtige Villa. Alle Räume waren alt und wunderschön – teuer. Und mit lauter versteckten Funktionen waren sie ausgestattet: Per Knopfdruck ging die Wand auf und ein Computersystem kam hervor (ganz wie so in alten James Bond-Filmen) aber es war noch nicht ganz ausgereift, es funktionierte noch nicht alles wie es sollte.
Rafael besaß total viel Kunst: ein ganzes Zimmer seines Hauses war voll mit bunter Cover-Art: alles total schöne Hüllen und Boxen und Behälter, die Regale zweimannhoch voll. Im untersten Stock war eine Dienstmagt angestellt, mit Hund, die sich um alles kümmerte, in den oberen Stöcken logierte Rafael. Und er konnte alle Musikinstrumente so gut spielen! Einmal hörte ich ihn auf der KLarinette blasen: Wow! Dieser Ton, dieses Vibrato (es klang ganz nach FReisemanagement) aus meiner Klasse. Ich wurde innerlich ganz wütend weil ich mich fragte, warum ich KLarinette studierte, wenn Rafael eh so gut spielen konnte. Er konnte nämlich auf jedem Instrument spielen. Und das in seinem Art-Raum. Ich wollte alles anschauen und zu gern hätte ich auch alle Knöpfe gedrückt und die Funktionen ausprobiert, aber das war ihm nicht so ganz recht. Ich war ihm wohl nicht ganz geheuer. War er misstrauisch, dass ich ihm vielleicht etwas zerstören könnte?